Der coolste Herthaner: Zecke

Weder als Spieler noch als Trainer scheint Zecke Neuendorf jemals Druck zu empfinden. Damit bei ihm, auch zum Saisonauftakt, erst gar kein Stress aufkommt, verfolgt er einige einfache Strategien, von denen jeder Herthaner lernen kann. 

Die Saison steht vor der Tür. Das bedeutet viel Druck. Kennst du selbst Stress?

Ja, ich glaube wie jeder Mensch kenne ich Stress. Aber für mich ist das, was andere als Stress empfinden oft gar kein Stress. Manche Leute denken oder handeln anders als ich und ich bin ja nicht für das Handeln von allen verantwortlich. Mit dieser Einstellung gehe ich recht entspannt durchs Leben. 

Das bedeutet also: Druck verursacht bei dir keinen Stress?

Nö. 

Wirklich gar nicht, niemals?

Eigentlich nicht. Ein Beispiel: Wenn wir mit der Mannschaft ein Auswärtsspiel haben, dann gibt es Vorgaben vom DFB.  Dann und dann musst du da sein, dann musst du spielen. Es darf keine Verzögerung geben. Wenn wir während der Fahrt merken, oh es staut sich ein bisschen, wir könnten später kommen, dann gibt es Kollegen oder andere Menschen, die dann in Stress verfallen. Ich hingegen sage dann: Ich kann es ja nicht ändern, wenn ich könnte, würde ich sagen wir fliegen jetzt über die Autos – kann ich aber nicht. Von daher ist es dann halt so. Bei mir kommt da erst gar kein Stress auf. Ich überleg die ganze Zeit, wo ich sagen könnte: Das ist für mich Stress. 

Wenn du jetzt zu mir sagen würdest: Schreib mal schnell zehn Sachen auf, aber du hast nur eine Minute Zeit – dann finde ich, dass ich keinen Stress haben muss, sondern du, denn du brauchst es jetzt so schnell. 

Zecke war zuvor Trainer der U17.

Oft fühlen wir uns ja unter Druck, wenn wir Erwartungen nicht ganz erfüllen können. Kennst du das?

Nein, denn ich bin kommunikativ. Ich spreche immer alles an. Das ist manchmal negativ und manchmal positiv. Aber: Ich habe so weniger Stress. Wenn es irgendwas gibt, was ich nicht weiß, dann geh ich halt auf jemanden zu. Ich bin mir nicht zu fein oder zu schade, um Hilfe zu bitten. Und wenn es so einzuordnen ist, dass jemand anders diese Stärke besitzt, dann frage ich da halt. Ich bin ein Teamplayer. Ich hätte wahrscheinlich Stress, wenn ich sagen würde, ich probiere es allein oder wenn ich das Gefühl hätte, dass ich irgendjemandem nicht gerecht werde, aber ich lebe so, dass ich versuche, meine Sachen bestmöglich umzusetzen. Im Privaten wie auch hier. Und Hertha ist für mich keine Arbeit. Wie gesagt ich durfte hier spielen, jetzt darf ich hier die Jungs trainieren, die auch Profis werden wollen. Von daher bin ich vielleicht, was das Stresslevel angeht, der falsche erste Ansprechpartner. Ich empfinde, was das angeht, keinen Stress. Das ist nicht mal positiver Stress. Es ist einfach kein Stress. 

Inwieweit setzt dich die dauerhafte Erreichbarkeit über Smartphone und Co unter Druck?

Lass uns mal bei Whats App gucken: Ich habe hier 130, 140 Nachrichten, die ich noch nicht aufgemacht hat. Und weißt du was? Andere stresst das, aber mich nicht. Ich lese die, wenn ich Zeit habe, das kann halt manchmal ein bisschen dauern. Mails: 79 Ungelesene. Und wenn ich auf mein Handy gucke, habe ich immer verpasste Anrufe. Und warum? Ich habe mein Smartphone immer lautlos und wenn ich im Gespräch bin, drehe ich es so um, dass ich nicht sehe, ob mich jemand anruft.  Wenn ich es richtigrum hätte und ich würde sehen, dass da was reinkommt, dann würde ich reagieren. Ich lüge nämlich nicht und wenn ich es gesehen habe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen.

Die Anrufe sind zum Beispiel dran, wenn ich nach Hause fahre und im Auto sitze. Dann arbeite ich die Anrufliste von oben nach unten ab. Und wenn ich einparke, dann sage ich, okay alles klar, wir hören uns morgen. Und am nächsten Morgen telefoniere ich wieder.

Und wie kommt man an dich ran, wenn es wirklich ganz wichtig ist?

Wenn es ganz wichtig ist, dann bin ich schon zu erreichen. Die Leute, die mich gut kennen, die wissen das und die schreiben dann: Ganz wichtig oder SOS. Manche Freunde sagen zu mir, wenn ich jetzt auf der Straße liegen würde und ich bräuchte deine Hilfe, du würdest erst drei Tage später reagieren. Dann sage ich: Drei Tage nicht, aber vielleicht erst morgen, aber wie soll ich dir denn auch helfen, wenn du auf der Straße liegst – ich bin ja kein Feuerwehrmann oder Arzt. Ich priorisiere da ganz stark. 

Du bist Trainer der U23 – wie gehst du in der Nachwuchsarbeit als Trainer mit dem Thema Stress um?

In meiner Rolle als Trainer habe ich das Glück, dass ich die besten Spieler von Berlin trainieren darf. Ich bin für die Jungs allerdings in keiner Vaterrolle, sondern nur der Trainer. Aus den Gesprächen mit den Eltern habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich in einer Rolle bin, wo die Jungs zuhören, ich sage ihnen was gut ist, was nicht gut ist. 

Ein ganz wichtiger Aspekt ist da das „Gönnen“ für mich. Fairplay. Gönnen ist ein schwieriges Wort für viele. Für mich bedeutet das, dass sie dem anderen gönnen, dass er Erfolg hat und ein Tor schießt oder eine gute Phase hat. Danach versuchen wir zu handeln. Deswegen haben wir oft weniger Stress als vielleicht andere Mannschaften in der gleichen Situation – wenn sich jeder daran orientiert. Besonders wichtig wird es, wenn es in Richtung Spiel geht. Da steigt der Druck, auch bei mir, aber das hat ja nicht unbedingt was mit Stress zu tun.

Die Ruhe selbst: Zecke Neuendorf.

Wie sieht es im sportlichen Bereich aus: Es wird erwartet, dass deine Mannschaft gewinnt, aber sie verliert – wie gehst du damit um?

Ich habe irgendwann mal gelernt: Du kannst es nicht allen recht machen. Der eine mag blau, der andere rot, der eine mag schwarz, der andere weiß, der eine mag Schoko, der andere Vanille. Du kannst vier Leute fragen und bekommst fünf verschiedene Antworten. Die Leute, denen ich mich sportlich erklären muss, sitzen hier in der Akademie und wir haben einen regen Austausch. Wenn wir am Montag zusammensitzen, dann sprechen wir auch über das Spiel am Wochenende. Und wenn wir dann schon wissen, dass drei verletzt sind und der Gegner wirklich gut ist – dann ist allen klar: Wir werden wahrscheinlich nicht brillieren. 

Und wie kommunizierst du das nach außen?

Da bin ich ganz ehrlich: Ich habe nicht die Zeit, mich mit allen auseinanderzusetzen, die sagen, dass ich gewinnen muss. Denn die Zeit, die ich habe, die nehme ich mir lieber für die Jungs. Und da gucke ich dann auch, dass ich nicht nur Negatives sage, man muss auch mal akzeptieren, dass wir im Sport sind und die anderen sind auch Leistungssportler. Es ist nicht so, dass sich, nur weil wir Berliner sind, alle anderen hinter uns anstellen. 

Ich hätte wahrscheinlich Stress, wenn ich denken würde, ich würde nicht alles für die Jungs tun, aber das tu ich. Und deswegen habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich gebe immer alles und bin für die Jungs erreichbar, auch wenn das Telefon lautlos ist. Wir arbeiten sehr intensiv und darum gibt es keinen von außerhalb, der mir Stress machen kann. 

Vielleicht hat es auch mit meiner aktiven Karriere zu tun, da habe ich auch viel erlebt. Und auch da: Für mich war Fußball immer eher Event als Stress.

Glaubst du, dass Jugendspieler heute mehr Stress und Druck haben als du früher?

Ja, das definitiv. Wenn ich teilweise mit den Eltern von Jugendspielern rede, merke ich, dass viele von ihnen schon so fixiert darauf sind, dass ihr Sohn Profi werden muss. Dann sage ich immer: „Hört doch auf, das kann man doch nicht beeinflussen.“ 

Das war bei mir anders. Es wurde nie so hochgehangen, dass ich bei Hertha gespielt habe.  Es war nichts Besonderes. Diese Haltung würde auch den Nachwuchsspielern von heute gut tun. Wenn ich sehe, was für ein Pensum die Jungs absolvieren müssen … Die Jungs haben Stress ohne Ende. Die stehen morgens um 6 Uhr auf, machen sich auf den Schulweg, haben Schule, um 10 Uhr haben sie dann Training, um 12 Uhr ist Mittagspause. Von 13-16 Uhr haben sie wieder Schule, um 17.30 Uhr ist Training, umziehen, nach Hause fahren. Um 20.30 Uhr sind sie dann zu Hause, essen noch eine Kleinigkeit und schlafen. Die haben einen sehr geregelten Tagesablauf, das ist keine normale Kindheit. Aber Kinder werden heute überall getrieben, auch wenn sie nicht im Profisport sind. Der Stress kommt, weil sie auf so viele Sachen reagieren müssen. Diesen Druck hatte ich früher nicht. Ich habe Fußball nur aus Freude gespielt.

Du wirkst sehr relaxed, kannst du das an deine Jungs weitergeben?

Ich kann meine Grundentspanntheit definitiv weitergeben. Das hängt auch vom gesamten Team ab. Am besten ist es, wenn alle um die Mannschaft herum entspannt sind. Klar, kommt da mal etwas Hektik auf. Aber das ist kein Stress. Wenn vor dem Spiel einer der Jungs Druck hat, weil er den Stutzen nicht hochbekommt, dann sagen wir: Mach mal langsam, die können doch ohne uns gar nicht anfangen. So bekommt man eine entspannte Grundstimmung rein. Bei mir gibt es auch keinen Ärger, wenn einer mal fünf Minuten zu spät kommt. Die haben den ganzen Tag Termine, dann fangen sie halt fünf Minuten später an. 

Was sind deine Tipps, damit man genauso entspannt wird, wie du es bist?

Wenn man mich auf dem Platz sieht, sehe ich nicht wirklich entspannt aus.  Da wird mir auch mal geraten mich auszuruhen. Dann bin ich aber auch nicht im Stress sondern in einem Tunnel. Wenn ich drei Tipps geben würde, dann wären das folgende: 

  1. Nicht alles und jeden zu wichtig nehmen, vor allem sich selbst nicht.
  2. Zuhören. Das musste ich auch lernen. So lernt man andere Sichtweisen kennen. Das kann viel Stress wegnehmen.
  3. Ehrlichkeit. Wenn man ehrlich ist, womit soll man dann noch Stress haben. Genauso lebe ich und fahre sehr gut damit. 

 

Bilder: Citypress

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