"Der Wettkampf selbst kann durch nichts ersetzt werden!"

Berlin – Am vergangenen Sonntag (20.09.20) ist die U17 von Hertha BSC endlich wieder in die B-Junioren-Bundesliga Nord/Nordost gestartet – 197 Tage nach dem bis dato letzten Pflichtspiel. Eine ungewohnt und schier unendlich lange Vorbereitung fand somit beim erfolgreichen Saisonauftakt bei Holstein Kiel – das Team von Trainer Oliver Reiß siegte mit 4:1 (3:1) – endlich sein Ende. Doch nicht nur für die Spieler selbst war die lange Zeit ohne Fußball neu. Auch für das Trainerteam um Chefcoach Reiß und 'Co' Oliver Schröder war es eine neue Herausforderung. Besonders im Bereich der Belastungssteuerung mit Hinblick auf das erhöhte Verletzungsrisiko der jungen Nachwuchsherthaner musste umgeplant werden. Wie dies im Detail ablief und welche Schwerpunkte bei dieser 'Marathon-Vorbereitung' gesetzt wurden, erzählt uns U17-Athletiktrainer Marc Ritter im Gespräch.

Hallo Marc, eine schier unendlich lange und insgesamt neunwöchige Vorbereitung liegt hinter euch: Worin lagen für dich als Athletiktrainer die Unterschiede im Vergleich zu einer sonst gewohnten vier bis fünfwöchigen Vorbereitung? Habt ihr andere Schwerpunkte gesetzt?
Aufgrund der langen corona-bedingten Pause hat die Belastbarkeit der Spieler deutlich abgenommen. Dadurch steigt auch die Verletzungsanfälligkeit. Daher bestand ein großer Unterschied darin, dass es in den ersten Wochen vorrangig darum ging, die Spieler wieder belastbar zu machen und vor Verletzungen zu schützen. Aus diesem Grund haben wir unsere Vorbereitung in zwei Zyklen aufgeteilt – das ist der größte Unterschied zu den sonst gewohnt kürzeren Vorbereitungsphasen. Im ersten Zyklus ging es vorrangig darum, die Belastbarkeit stetig zu steigern und die Spieler an ein gewisses Trainingspensum wieder zu gewöhnen. Hier haben wir überwiegend im submaximalen Intensitätsbereich trainiert. Die Belastungssteigerung erfolgte zum größten Teil über das Trainingsvolumen. Zudem wurden Maßnahmen durchgeführt, die die Belastbarkeit der Spieler beeinflussen, wie zum Beispiel bestimmte Ernährungsmaßnahmen, Gewebepflege, gezielte Ansteuerung einzelner Muskeln sowie Muskelketten, Mobilisations- und Stabilisationsübungen und gezieltes Krafttraining. Der Regenerationsstatus der Spieler wurde dabei in regelmäßigen Abständen kontrolliert. Im zweiten Zyklus haben wir dann zunehmend im oberen Intensitätsbereich trainiert. Diese Phase orientierte sich mit kleinen Unterschieden an unserer klassischen Vorbereitung.

Neun Wochen Vorbereitung und vorher die Corona-Pause: Die Zeit ohne Punktspiele war für eure Spieler ungewohnt lang. Wie gelang es euch, eure Spieler bei Laune zu halten? 
Während der Corona-Pause haben wir versucht mit Live-Workouts über Zoom und Instagram sowie gezielten Trainingsplänen die Spieler bei Laune zu halten. Zudem war die tägliche Ausstrahlung der Akademie-Challenge über unseren Instagram-Kanal @herthabubis eine große Hilfe. Im Allgemeinen haben wir sowohl in der corana-bedingten Unterbrechung als auch in der langen Vorbereitung ständig versucht, den Spielern die Absicht einzelner Maßnahmen bewusst zu machen, sodass sie verstehen, warum bestimmte Inhalte von großer Wichtigkeit sind. Daraus resultiert, dass wir die Inhalte mit einer ganz anderen Überzeugung, Motivation und Freude umsetzen können.

Nun sind die Punktspiele endlich wieder gestartet: Erwartest du bei den Spielern nach der sehr langen Pause ein erhöhtes Verletzungsrisiko?
Auf jeden Fall muss die zurückliegende lange Corona-Pause auch nach dem nun erfolgten Saisonstart am vergangenen Wochenende weiter im Blick behalten werden. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es immer noch den einen oder anderen Spieler, der den Ist-Zustand im Vergleich vor der Corana-Pause noch nicht erreicht hat. Das spiegelt sich natürlich auch in der Verletzungsanfälligkeit wider. Im Moment klagt bei uns nur ein Spieler gelegentlich über leichte Rückenschmerzen. Er kann aber trotzdem ganz normal mittrainieren, wird aber begleitend zum Training behandelt. Ansonsten sind alle Spieler fit. Das ist für uns natürlich top, da wir so aus dem vollen schöpfen können. Diesen Zustand versuchen wir natürlich durch gezielte individuelle Trainingssteuerung und gezieltes Regenerationsmanagement lange zu erhalten. Hierzu befinden wir uns im Trainerteam im ständigen Austausch und haben dazu einmal wöchentlich eine längere Sitzung, in der über jeden einzelnen Spieler gesprochen wird. 

Inwiefern wird sich deine Arbeit als Athletiktrainer im geregelten Spielbetrieb im Vergleich zur Sommervorbereitung verändern? 
Ein großer Unterschied besteht in der veränderten Belastungsgestaltung unter der Woche. Die einzelnen Trainingsreize werden gezielt gesetzt, sodass am Spieltag eine optimale Frische der Spieler besteht. Hier spielt optimales Regenerationsmanagement eine ganz große Rolle.

Worauf liegen deine Schwerpunkte im Athletiktraining während der Saison?
Wir versuchen natürlich weiterhin die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit der Spieler zu steigern. Denn die Jungs sind natürlich immer noch in der Entwicklung und dies muss auch während der Saison forciert werden. Trotzdem darf natürlich die Frische am Spieltag nicht vernachlässigt werden. Denn nur bei optimaler Frische kann der Akteur sein volles Leistungspotenzial in den Partien abrufen. Denn der Wettkampf selbst und das Spielen auf höchstem Niveau kann durch nichts ersetzt werden und bietet wohl die beste Möglichkeit für die weitere Entwicklung der Spieler.