"Ein bewegtes Jahr, das so total unerwartet kam!"

Berlin – Elf Mannschaften, rund 250 Spieler und etwa 80 Mitarbeitende, die alle ein Ziel verfolgen: Fußballspiele gewinnen. Doch genau dieses Vorhaben ist in 2020 zur Seltenheit geworden. Aufgrund der Corona-Pandemie rollte das runde Leder in der Hertha BSC Fußball-Akademie nur noch vereinzelt. Fortan mussten sich die Verantwortlichen um Akademie-Leiter Benjamin Weber mit zahlreichen Dingen beschäftigen, die den Ausfall des Trainings- und Spielbetriebs bestmöglich auffangen sollen – immer vor dem Hintergrund der Verantwortung gegenüber zahlreichen jungen Talenten, die einfach nur Fußball spielen wollen. "Den richtigen Umgang mit dieser Situation zu finden, war die erste große Herausforderung in dieser Zeit", gesteht der 40-jährige Weber ein. Wir haben uns mit dem zweifachen Familienvater zum ausführlichen Jahresrückblick getroffen. 

Benny, ein spezielles Jahr liegt hinter uns. Unabhängig von Hertha BSC und dem Fußball: Wie hast du persönlich 2020 erlebt?
Natürlich war es für uns alle ein extrem besonderes Jahr, in dem wir damit beschäftigt waren, uns immer wieder mit neuen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Wenn ich an den ersten Lockdown im Frühjahr zurückdenke, als meine Kinder plötzlich zu Hause im Homeschooling waren und wir uns alle nur noch über Videokonferenzen zusammengeschaltet haben, dann war das schon etwas surreal. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir zwei Wochen zuvor noch im Olympiastadion gegen Werder Bremen auf der Tribüne saßen und zwei Tage danach unser neues Medizinzentrum eröffnet haben. Danach war dann Schluss und alles wurde komplett runtergefahren. Als meine Kinder im Sommer dann wieder zur Schule durften, war ein kleines Stück Normalität wieder greifbar. Dass es im Herbst und aktuell nochmal wieder so weit gekommen ist, ist natürlich ein herber Rückschlag für die Gesellschaft. Alles in allem war es ein bewegtes Jahr, das so total unerwartet kam. Wir alle haben erst mit der Zeit gemerkt, was Corona überhaupt bedeutet. Ein Großteil der Bevölkerung dachte, im Sommer ist das Gröbste geschafft. Dem ist bekanntlich nicht so. Von daher erhoffe ich mir, dass 2021 wieder etwas normaler wird. 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie ganz konkret auf den Alltag in der Hertha BSC Fußball-Akademie?
Eine große Veränderung war, dass ich als Verantwortlicher von heute auf morgen nicht mehr wie gewohnt mit den Trainern und Spielern kommunizieren konnte. Nachwuchsarbeit ist Mannschaftssport – nicht nur mit einem Cheftrainer und mehreren Spielern, sondern mit Verantwortlichen, Sportwissenschaftlern, Co-, Athletik- und Torwarttrainern. In so einer Organisation brauchen wir ganz viel Kommunikation, in der wir uns untereinander über die Entwicklung und Förderung der Jungs austauschen. Dafür sind das persönliche Gespräch sowie Mannschafts- und Trainersitzungen absolut notwendig. Wir machen seit mehreren Monaten unsere Trainersitzungen digital. Das funktioniert, aber ist natürlich kein Vergleich zum persönlichen Gespräch. Auch die Unterhaltungen mit Spielern und ihren Eltern über die Entwicklung des Kindes fehlen uns total. In einem persönlichen Gespräch kann ich durch Mimik und Gestik ganz anders argumentieren als in einem Telefonat oder einem Videocall. Diese fehlenden sozialen Kontakte und der stark reduzierte Austausch in der täglichen Arbeit sind ein ganz großer Unterschied. Aber auch die täglichen Diskussionen mit den Mitarbeitenden fallen weg. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass die Pandemie der Digitalisierung einen essenziellen Aufschwung gegeben hat. Ich muss nur auf mich selbst schauen: Wenn du mich Anfang des Jahres gefragt hättest, wie ich eine Videokonferenz einrichte … – das ist mittlerweile das Normalste auf der Welt (grinst).

Angeknüpft an die Auswirkungen: Vor welchen Herausforderungen standest du als Akademie-Verantwortlicher zu Beginn der Pandemie?
Am Anfang des Lockdowns mussten wir uns natürlich erstmal mit den übergreifenden Fragen auseinandersetzen: Was passiert hier? Wie gehen wir mit dieser Situation um? Was leiten wir für Maßnahmen ein? Denn auf die Akademie bezogen: Wir haben rund 80 Mitarbeitende sowie 250 Kinder und Jugendliche. Den richtigen Umgang mit dieser Situation zu finden, vor dem Hintergrund der Verantwortung gegenüber den zahlreichen Personen im Nachwuchsbereich, das war die erste große Herausforderung mit dieser neuen, unbekannten Lage. Da hat uns unsere Geschäftsführung extrem Halt gegeben, da sie sehr, sehr sauber und viel kommuniziert hat. Aus diesem Grund waren wir als Akademie gut aufgestellt, um intern unsere Leute stets über alle neuen Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Natürlich mussten wir uns überlegen: Wie bleiben wir in Kontakt, wie kommunizieren wir und wie halten wir die Regelungen flächendeckend ein? Denn es war von Beginn an eine große Unsicherheit zu spüren. So lautete eine wichtige Fragestellung: Wie verhalten wir uns in welchen Bereichen verordnungskonform? Wir haben sicherlich an der einen oder anderen Stelle zu vorsichtig gehandelt, aber das war in dem Moment vielleicht sogar besser, da zu der Zeit noch recht wenig über Corona bekannt war. Vor allem um unsere Spieler und unsere Mitarbeitenden zu schützen.

Welchen neuen Aufgaben musstet ihr im weiteren Verlauf von Corona meistern?
Eine weitere Herausforderung ist natürlich die Aufklärungsarbeit – für verschiedene Altersklassen. Es sind keine von uns aufgestellten Vorgaben, die es dennoch einzuhalten gilt. Ein einfaches Beispiel ist das Tragen einer Maske im Kabinentrakt. Das ist ein Punkt, auf den wir immer wieder hinweisen müssen und bei dem man nicht lockerlassen darf. Es gehört zum Schutz aller dazu. Darüber hinaus stellt selbstverständlich auch der große Aspekt der Planung eine Herausforderung dar. Wann dürfen wir wieder spielen? Wie halten wir unsere Mannschaften durchweg auf Wettkampfniveau? Wenn wir auf unsere A-Junioren in der U19 blicken: Die sind in ihrem abschließenden Juniorenjahr vor dem Übergang in den Herrenbereich und haben seit März vier Pflichtspiele bestritten. Das ist natürlich überschaubar wenig Spielzeit. Unsere U23 hat am 31. Oktober in Lichtenberg das bis heute letzte Spiel absolviert. Zu dem Zeitpunkt haben wir noch gehofft, dass wir zumindest im Dezember den Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen. Das ist ja das, was uns allen – Spielern, Trainern und Verantwortlichen – fehlt: der Wettkampf. Glücklicherweise haben wir mit unserem Team, da möchte ich besonders André Henning hervorheben, exzellente Arbeit geleistet was Themen wie Prävention, Hygienemaßnahmen, Abstimmung mit der Schule, dem Aufrechterhalten des Mannschafts- und Schultrainings sowie einer sauberen Kommunikation mit der Senatsverwaltung betraf. Wir sind bisher wirklich gut durch die Pandemie gekommen. Die Gesundheit steht natürlich bei allem Interesse an sportlichen Themen an oberster Stelle! Es geht darum, dass die Zahlen zurückgehen und dass wir alle gesund bleiben.

Du hast die überschaubare Spielzeit in den zurückliegenden Monaten bereits angesprochen: In der Akademie gibt es elf Mannschaften, viele Trainer und vor allem zahlreiche Spieler, die nur eins wollen: Fußball spielen. Wie hält man die Jungs bei der Stange?
Wir als Verantwortliche, da schließe ich meine Kollegen Frank Vogel und André Henning aber auch Kleinfeldkoordinator Michael Dober mit ein, sind sehr glücklich, dass wir in der Akademie ein wirklich sehr, sehr gutes Trainerteam haben. Ich betone absichtlich das Team: Ich meine nicht nur die Cheftrainer, sondern bis runter zur Teamleiterin unserer jüngsten Mannschaft, der U9. Alle Offiziellen haben mit ihren Jungs sehr gut kommuniziert. Da war es im ersten Lockdown natürlich noch deutlich schwieriger, weil wir da überhaupt nicht trainieren durften und uns ausschließlich über digitale Kanäle ausgetauscht haben. Da haben wir – und da muss ich unseren Redakteur für den Nachwuchsbereich loben – Projekte wie die #AkademieChallenge ins Leben gerufen. Das haben wir beispielsweise genutzt, um diese Themen in die einzelnen Mannschaften zu platzieren, damit die Teams eigenständige Sachen in dieser Art entwickeln. Da sind Kommunikation und Kreativität besonders wichtig.

Der Spielbetrieb ruhte bereits im Frühjahr, seit vergangenen November erneut. Wie beschäftigt ihr Spieler und Trainer ohne die Aussicht im Wettkampf abliefern zu können?
Wir haben uns in den vergangenen Wochen und Monaten mit allen Trainern sehr intensiv mit der individuellen Förderung beschäftigt und arbeiten im Rahmen der individuellen Analyse an einem fortlaufenden Projekt mit dem DFB und der DFL. Selbstverständlich fehlt den Teams der Wettkampf und im höheren Alter die wichtigen Spiele gegen andere Leistungszentren. Aber vor allem in den jüngeren Jahrgängen bleibt die Entwicklung nicht stehen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, durch einen veränderten Trainingsaufbau die Spieler auch ohne geregelten Spielbetrieb weiterzuentwickeln. Die Athletiktrainer können intensivere Schnelligkeitstrainings miteinbauen, die Trainer können längere Einheiten gestalten, da am Wochenende kein Wettkampf stattfindet. Es gibt viele Möglichkeiten, die Jungs bei der Stange zu halten. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit allem, was sonst immer ein Stück weit liegenbleibt. Wir behandeln Themen, die wichtig sind, wenn es dann tatsächlich wieder richtig losgeht. Es stehen zahlreiche Fort- und Weiterbildungen sowie Impulsvorträge für unsere Trainer und Mitarbeitenden auf der Agenda. Außerdem haben die Übungsleiter ihre Mannschaften detailliert durchleuchtet und arbeiten an Maßnahmen mit einzelnen Spielern. Wir stecken deutlich mehr Zeit in die Analyse und schauen, was wir in Zukunft im Trainingsalltag der jeweiligen Mannschaft verbessern können.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Benjamin Weber über die Aussicht, wann der Ball wieder rollen wird sowie über die Planungen und Ziele für 2021. Der zweite Teil erscheint am 28. Januar 2021 auf 'Mach' dich Hertha'.