"Aus einem Ackergaul kann niemand ein Rennpferd machen"

Berlin - Die Zeit zwischen zwei Spielzeiten ist für Athletiktrainer eine besondere. Schon in den Spielen nach dem Re-Start trumpften die Herthaner auf dem Rasen im athletischen Bereich auf: Das Team von Bruno Labbadia gehörte zu den laufstärksten der Liga. Zu verdanken war das auch dem Hometrainingsprogramm von Henrik Kuchno. Zu ihm und Hendrik Vieth stieß mit dem erneuten Trainerwechsel auch noch Günter Kern. Das Trio machte den Blau-Weißen Beine und ist nun auch wieder gefordert. Was alle drei eint ist, dass sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen. Auch Neuzugang Kern ist nicht nur als Instruktor fit: "Ich schaue, dass ich jeden Tag etwas mache - meist eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining", sagt der drahtige 62-Jährige, der in München ein Schnelligkeitszentrum gründete und auch schon den japanischen Proficlub Cerezo Osaka betreute. Im Interviewsprach der Berchtesgadener unter anderem über die guten Werte nach der corona-bedingten Pause, die Herausforderungen in der zu Ende gehenden siebenwöchigen Vorbereitung auf die Saison 2020/21 und die Bedeutung von Talent, Willen und Fleiß.

Günter, die Statistiken sprechen seit dem Re-Start für sich. Wie zufrieden bist du insbesondere mit den läuferischen Leistungen der Mannschaft?
Kern: Schaut man sich die Laufwerte an, bin ich total zufrieden. Aber natürlich lässt sich das nicht losgelöst vom Gesamttrainingsprozess betrachten.

Beim Blick auf die physischen Fähigkeiten der Spieler, welches Verhältnis siehst du zwischen Talent, Trainingseinstellung und Willen?
Kern: Ohne ein gewisses Talent geht nichts. Den Unterschied macht dann aber das Talent vom Hals aufwärts. Ich habe schon viele Talente gesehen, bei denen es hieß, sie schaffen es nie. Doch sie wollten unbedingt. Den letzten Schritt haben sie durch ihre Mentalität und die Einstellung gemacht - und über den Trainingsfleiß. Das ist unabdingbar, denn allein mit Talent schafft man es nicht.

Ist Vladimir Darida in dem Zusammenhang das Paradebeispiel, bei dem alles zusammenpasst?
Kern: Man braucht sich nur mal die Trainingseinheiten anschauen: Vladi ist immer in vorderster Reihe dabei und zieht immer voll mit. Davon profitiert er, seine Physis ist seine große Stärke.

Darida hat in den Spielen seit Re-Start mehrere Rekorde bei der Gesamt-Laufleistung pro Spiel aufgestellt. Was macht ihn so stark?
Kern: Das ist Wahnsinn. Für ihn spricht, dass diese Werte keine Ausreißer nach oben sind, sondern dass er diese Leistungen konstant abruft. Da hat Vladi in den letzten Wochen sicherlich noch mal einen Schritt nach vorn gemacht.

Schnelligkeit ist kaum zu erlernen, du selbst hast in München ein Schnelligkeitszentrum gegründet. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Kern: Schnell bist du, oder eben nicht. Aus einem Ackergaul kann niemand ein Rennpferd machen. Wer es allerdings in die Bundesliga geschafft hat, bringt an sich schon eine gewisse Schnelligkeit mit. Wenn man es schafft, das zu optimieren - oft spielen da mehrere Faktoren eine Rolle - kann es genau der Vorteil sein, um sich gegen die Mitbewerber durchzusetzen.

Die Leistungsfähigkeit ist das eine, die Verletzungsprävention das andere. Welchen Zusammenhang siehst du da?
Kern: Das Wichtigste ist die Wiederholungsfähigkeit. Das bedeutet, dass man als Sportler so etwas Intensives wie Läufe oder Sprints immer wieder abspulen kann, ohne permanent in den roten Bereich zu kommen. Ebenso wichtig ist es, dass man sich nach der Belastung schnell wieder erholt und den Normalwert erreicht. Das ist ausschlaggebend für die Verletzungsprophylaxe, denn muskuläre Verletzungen treten seltener auf, wenn man die Belastung besser wegsteckt.

Die Unterbrechung durch die Corona-Pandemie hat fast alle vor ganz besondere Herausforderungen gestellt, auch euch als Athletiktrainer. Wie seid ihr damit umgegangen?
Kern: In der Quarantäne hat Henrik Kuchno einen herausragenden Job mit den Jungs gemacht. Dadurch sind die Jungs schon auf einem sehr guten Niveau zurück auf den Trainingsplatz gekommen. Danach mussten wir mit der Schwierigkeit umgehen, dass wir nur in kleinen Gruppen trainieren durften - die fehlende Intensitäten haben wir durch spezielle Programme abseits des Platzes, beispielsweise durch intensive Läufe, kompensiert.

Du selbst hast schon einiges in deiner Karriere erlebt. Wie wichtig war es, auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können?
Kern: So etwas hat bisher niemand erlebt. Wir sind allerdings alle erfahrene Trainer und konnten mit der Situation besser umgehen und vielleicht mehr rausholen, als Trainer, die noch nicht so viel Erfahrung besitzen.

Wie würdest du deine Arbeit und dein Erfolgsrezept charakterisieren?
Kern: Ich glaube, Empathie ist mit das Wichtigste: Wie gehe ich mit den Spielern um, wie wirke ich auf sie ein? Wenn ich dran bin, wird's anstrengend und der Ball ist in der Regel auch selten dabei. Das sind eigentlich schlechte Voraussetzungen (grinst). Doch wenn ich mit den Spielern empathisch umgehe, sie überzeuge, und dabei ehrlich und aufrichtig bin, wenn die Spieler wissen, warum sie das jetzt machen - dann ziehen sie mit. Eigentlich habe ich einen Sch***-Job (lacht). Aber im Idealfall mache ich meine Arbeit gut und die Spieler hassen mich trotzdem nicht. Diese Erfahrungen habe ich auf meinen Stationen gesammelt. Und da ist es egal, ob ich mit einem van Nistelrooy, einem Ze Roberto, einem Dzeko oder jemandem, der gerade frisch aus der U19 gekommen ist, arbeite - grundsätzlich behandele ich alle gleich. Die Spieler merken, dass sie sich auf meine Worte verlassen können.

Fußball ist Teamwork. Wie schätzt du die Zusammenarbeit mit deinen Kollegen Henrik Kuchno und Hendrik Vieth ein?
Kern: Die Zusammenarbeit mit beiden ist einfach hervorragend. Ich bin froh, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Henrik Kuchno ist 1A, was Testen und Objektivieren angeht. Gleichzeitig hat er super Übungen drauf. Egal ob es um Kräftigung mit eigenem Körpergewicht oder Aufwärmen und Kraft- und Schnelligkeitsausdauer geht - man kann sich drauf verlassen, dass alles in sich Sinn ergibt. Auch Hendrik Vieth ist durch seinen Hintergrund als A-Trainerschein-Besitzer extrem wertvoll als Reha-Trainer. Wenn er mit den Spielern rausgeht, um zu schauen, wie weit es mit dem Ball schon geht, hat das auch alles Sinn und Verstand. Auf sein Urteil können wir uns verlassen.

Wie schwierig waren die Planungen der Vorbereitung, als noch nicht klar war, wann die neue Saison starten sollte?
Kern: Wir wussten nur ungefähr, wann es wieder los geht. Wir wussten aber auch, dass unsere Spieler Urlaub brauchten, den sie sich auch redlich verdient haben. Mit einer Toleranz von ein paar Tagen konnten wir die Vorbereitung schon planen, aber es wäre nicht schlecht gewesen, möglichst früh einen genauen Termin zu haben. Das hätte die Planung im Detail erleichtert - nichtsdestotrotz haben wir das bisher gut hinbekommen und die Mannschaft auf ein gutes Niveau gebracht.