"... wie ein kleines Heimspiel!"

Berlin - Ein Jahrzehnt trug Henrik Herrmann das Hertha-Logo auf der Brust und zog seine Handschuhe für den Hauptstadtclub an. Als junger Torwart durchlief der gebürtige Berliner von 2006 bis 2016 die Nachwuchsmannschaften der Hertha BSC Fußball-Akademie. Der Sprung zu den Profis ist dem mittlerweile 22-Jährigen in dieser Zeit jedoch nicht geglückt. Vier Jahre später folgte dennoch die Rückkehr zur 'Alten Dame' – und zwar in neuer Funktion als ausgebildeter Physiotherapeut im HerthaMED. Nachdem der Herthaner im ersten Teil des Interviews über seine Zeit als Nachwuchstorwart sprach, beleuchtet Henrik Herrmann im zweiten Teil des Gesprächs durch wen der Kontakt zustande kam, wie seine tägliche Arbeit im modernen Therapiezentrum aussieht und welche langfristigen Ziele er verfolgt.

Aus welchen Gründen hast du Hertha BSC nach zehn Jahren verlassen?
Im Sommer 2016 sind zwei Jahrgänge zusammengelegt worden und somit hatten wir damals in der U19 vier Torhüter. Für diesen Konkurrenzkampf war es natürlich nicht von Vorteil, dass ich vorher lange an der Schulter und Hüfte verletzt war. Das hat mir nicht geholfen, mich in den Vordergrund zu spielen. In den Gesprächen mit den Verantwortlichen wurde dann klar, dass ich in der anstehenden Saison kaum Spielzeit bekommen werde. Aus diesem Grund habe ich mich dann entschlossen, den Verein zu verlassen.

Nach deiner Zeit bei Hertha BSC bist du zum Oranienburger FC Eintracht 1901 gewechselt, ehe eine Fußballpause folgte. Wie ging es für dich fußballerisch nach der intensiven Zeit beim Hauptstadtclub weiter?
Ich bin 2016 nach Oranienburg gewechselt und hatte parallel auch mein Abitur erfolgreich bestanden. Es gab zwar auch einen Kontakt zu RasenBallsport Leipzig, aber ich habe mich dann für Oranienburg entschieden. Dort haben wir in der Brandenburg-Liga gespielt, drei Mal die Woche trainiert und auch hohe Ansprüche gehabt – das hat alles perfekt gepasst. Ein weiterer Vorteil für mich war der kurze Anfahrtsweg. Auch aus dieser Zeit habe ich viel mitgenommen, schließlich war es mit 18 Jahren mein erstes Jahr im Herrenbereich. Ich hatte auch keine lange Zeit zum Reinkommen, sondern wurde direkt ins kalte Wasser geschmissen und habe die ersten Spiele dann auch direkt alle bestritten. Diese Gegebenheiten aber auch mein Trainer Hans Oertwig haben mich sehr geprägt. In der zweiten Saison hatte ich einen neuen Konkurrenten, der dann auch mehr gespielt hat. Da ich zeitgleich meine Ausbildung zum Physiotherapeuten begonnen habe, habe ich nach dem zweiten Jahr in Oranienburg eine Fußball-Pause eingelegt – auch wenn die nicht lange gehalten hat (schmunzelt). Denn mittlerweile spiele ich wieder, und zwar für Grün-Weiß Bergfelde – aber nicht mehr als Torwart, sondern als Feldspieler. Das ist einem Kindheitstraum mit einem Kumpel, mit dem ich schon immer mal zusammenspielen wollte, geschuldet. Es ist zwar eine andere Belastung als die des Torwarts, aber es macht sehr viel Spaß. Mittlerweile würde ich die Rolle des Feldspielers auch nicht mehr eintauschen (grinst).

Neben dem Fußball gab es für dich von Anfang an auch eine berufliche Laufbahn. Du hast die Ausbildung zum Physiotherapeuten schon angesprochen. Welche Form hat deine Physio-Karriere inzwischen angenommen?
Als erstes habe ich ein Langzeitpraktikum in meiner ehemaligen Schule absolviert, um zu schauen, ob es für mich Richtung Lehramt gehen kann. In dem Jahr habe ich dann gemerkt, dass das eher nichts für mich ist. Mir war aber klar, dass es irgendetwas mit Menschen und Sport zu tun haben muss – und da die Auswahl mit dieser Kombination nicht allzu groß ist, habe ich mich für die Berufsausbildung des Physiotherapeuten entschieden, die ich im September 2017 begonnen und im August 2020 erfolgreich abgeschlossen habe. Das war natürlich schon etwas anderes als das gesamte vorherige Leben Fußball zu spielen, vom täglichen Ablauf aber auch aus finanzieller Sicht. Da musste ich mich erstmal dran gewöhnen. Aber diese Entscheidung war definitiv die richtige und sie hat sich ja auch gelohnt. 

... denn du bist wieder zurück bei Hertha BSC.
Exakt! So schließen sich die Kreise. Der Kontakt ist durch den Physiotherapeuten der Profis, Jürgen Lange, entstanden. Als ich noch bei Hertha gespielt habe, war Jürgen mein Physio. Neben meiner Ausbildung habe ich als Kellner bei Heimspielen im Olympiastadion gearbeitet. Nach einem Spiel sind wir uns dann mal über den Weg gelaufen und ins Gespräch gekommen. Da habe ich Jürgen – eigentlich eher aus Spaß – gefragt, ob bei Hertha BSC Bedarf an Physiotherapeuten besteht. Daraufhin standen wir regelmäßig im Austausch und zu späterer Zeit kam tatsächlich die Einladung zum Vorstellungsgespräch – und nun bin ich seit dem 1. September 2020 als Vollzeitkraft angestellt (strahlt). Einen entspannteren Jobeinstieg kann ich mir gar nicht vorstellen, da ich das Umfeld, die Trainer, mit denen ich zusammenarbeite, und alle weiteren Personen ohnehin schon kenne – das ist wie ein kleines Heimspiel. Deswegen musste ich auch gar nicht lange überlegen, ob ich das Angebot annehme. Es hat sich definitiv bewahrheitet – jetzt behandle ich meine früheren Mitspieler und Torhüter-Konkurrenten, etwas surreal, aber es macht unfassbar viel Spaß. Und man ist nach wie vor mittendrin und auch an den Erfolgen der Mannschaft beteiligt, das Fußballfieber war ohnehin nie weg.

Gib uns mal einen Einblick in deinen Alltag: Was zählt zu deinen Aufgaben? Für wen bist du zuständig?
Ich betreue unsere U14-Mannschaft und bin darüber hinaus für alle anderen Spieler als normaler Physiotherapeut zuständig. Aber ich kümmere mich natürlich auch um Patientinnen und Patienten von außerhalb, da wir als HerthaMED bekanntermaßen ein ganz normales Reha- und Therapiezentrum sind und nicht nur für unsere Herthaner, sondern für alle möglichen Sportlerinnen und Sportler ein offenes Ohr haben. Bei der U14 bin ich an den Wochenenden bei den Spielen dabei und unter der Woche bin ich täglich in unseren Räumlichkeiten im HerthaMED anzutreffen. Wir arbeiten in einem großen Team zusammen und sind für die Trainingsnachbetreuung der jeweiligen Mannschaften verantwortlich.

Was ist das für ein Gefühl, bei dem Verein zu arbeiten, für den man früher als junger Kerl im Tor stand?
Das ist schon ganz cool und natürlich ein schönes Gefühl wieder hier zu sein. Auf der anderen Seite gibt es durch die Gegebenheiten, dass das Therapiezentrum noch relativ neu ist und wir auch ein junges Team haben, auch eine Menge zu tun und einige Stellschrauben, an denen man noch drehen kann. Ich merke vom ersten Tag an, dass ich mich hier selbst und viel Input einbringen kann. Das war natürlich auch ein Grund, hier anzufangen. Ich bin bereit, viel Engagement reinzulegen. Denn man möchte natürlich auch stolz auf seine Arbeit und seinen Job sein. 

Nun befinden wir uns ja seit März 2020 in einer Ausnahmesituation: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf deine Arbeit ausgewirkt? Welche Veränderungen gibt es?
Ich habe meinen ersten Job ja in Zeiten von Corona angefangen, deshalb kenne ich es gar nicht anders (schmunzelt). Natürlich merke ich, dass von außerhalb in Zeiten einer Pandemie nicht jeden Tag ganz so viele Patientinnen und Patienten kommen. Das ist schon ein Unterschied. Aber ansonsten haben wir in unserem Alltag außer die Mund-Nasen-Bedeckung, die allgemeinen Hygieneregeln und das Fiebermessen bei neuen Patientinnen und Patienten keine großen Einschränkungen in unserer Arbeit.

Auch wenn es in diesen Zeiten schwierig ist: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sehen deine beruflichen Ziele für die kommenden Jahre aus?
Mein langfristiges Ziel ist, in den Profi-Bereich reinzukommen. Die Arbeit mit den Jugendspielern und Nachwuchsmannschaften bringt viel Spaß und ist auch sehr fordernd, aber das langfristige Ziel ist die Profi-Mannschaft von Hertha BSC. Dafür werden in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren zahlreiche Fort- und Weiterbildungen auf mich zukommen: Alles mit dem Ziel, sich hier immer weiter einbringen und immer mehr anpacken zu können.

Gibt es in deiner täglichen Arbeit denn schon Verbindungen zum Profi-Bereich?
Wir sehen uns täglich und laufen uns über den Weg. Es gibt definitiv Schnittstellen zu den Physiotherapeuten des Bundesliga-Teams. Es ist nicht der Fall, dass wir hier in zwei geteilten Welten arbeiten. Wir arbeiten alle Hand in Hand und sind schlussendlich alle aus demselben Grund hier: Die Spieler von Hertha BSC besser zu machen!

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